Machtvolle Ohnmacht entsteht, wenn vorhandene Handlungsspielräume nicht zum eigenen Selbstbild passen.
Wir können reale Handlungsmöglichkeiten besitzen und uns trotzdem als machtlos erleben – oder darstellen. Das kann ehrlich sein. Es kann aber auch Verantwortung verschwinden lassen.
Machtvolle Ohnmacht: „Ich konnte doch nichts machen“
Etwas ist schiefgelaufen. Entscheidungen hatten Folgen. Die Antwort lautet: „Was hätte ich denn machen sollen? Ich hatte doch keine Wahl.“
Vielleicht gab es tatsächlich Zwänge. Eine andere Entscheidung hätte Geld, Konflikt oder persönlichen Einsatz gekostet. Aber aus „Meine Möglichkeiten waren schwierig“ wird schnell „Ich hatte keine Möglichkeiten“. Und aus „Ich habe meine Macht nicht genutzt“ wird „Ich hatte keine Macht“.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Macht bedeutet selten vollständige Kontrolle. Sie bedeutet, etwas beeinflussen zu können. Wer Einfluss hat, muss nicht für alles verantwortlich sein – aber die eigene Wirkung darf nicht unsichtbar werden, nur weil sie unangenehm zu nutzen wäre.
Ohnmacht kann selbst Wirkung erzeugen
Der Mechanismus funktioniert auch in die andere Richtung. Eine Person kann in einer konkreten Situation weniger Macht gehabt haben und verletzt worden sein. Das muss benannt werden. Es sagt jedoch noch nicht, dass sie später keinen Einfluss hat.
Wer glaubwürdig sagen kann: „Mir wurde etwas angetan“, erhält oft Empathie, Unterstützung und Aufmerksamkeit. Menschen hören zu, teilen eine Geschichte, stellen sich an die Seite der betroffenen Person oder handeln mit ihr. Das ist zunächst nichts Schlechtes – Unterstützung kann notwendig sein. Zugleich entsteht daraus soziale Wirkung.
Eine Person kann also in der ursprünglichen Situation weniger Macht gehabt haben und später erheblichen Einfluss besitzen. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Die Opferrolle ist keine politische Richtung
Auch politische Kommunikation kennt dieses Muster. Eine Studie zu deutschen Wahlprogrammen untersucht sogenannte Viktimisierungsclaims – also Darstellungen bestimmter Gruppen als ungerecht behandelt oder geschädigt. Sie findet solche Claims bei der AfD besonders häufig, neben der Partei Die Linke. Das ist kein Urteil darüber, ob jede einzelne Beschwerde unberechtigt ist. Es zeigt: Das Bild von Ohnmacht kann auch dort wirksam sein, wo politische Akteur:innen Einfluss ausüben.
Das Beispiel dient nicht dazu, Menschen oder Parteien gleichzusetzen. Es macht einen allgemeinen Punkt sichtbar: Sich als Opfer zu verstehen, ist kein verlässlicher Maßstab dafür, ob jemand machtlos ist.
Selbstbild verändert, was wir sehen
Menschen betrachten ihre Macht nicht neutral. Eine Führungskraft sieht wirtschaftliche Zwänge. Eine Mitarbeiterin sieht den Arbeitgeber. Ein Aktivist sieht die Institution, gegen die er kämpft. Eine Politikerin sieht Medien, Opposition und Widerstand. Alle können deshalb ehrlich erleben: „Die anderen haben die Macht.“
Und trotzdem beeinflussen alle die Welt um sich herum. Wer auf die eigene Ohnmacht fokussiert, übersieht leicht die Ressourcen, Beziehungen, Worte und Entscheidungen, die trotzdem Wirkung haben.
Opfer sein bedeutet nicht verantwortungslos zu sein
Das ist kein Victim Blaming. Wer Gewalt oder Diskriminierung erlebt, trägt nicht die Verantwortung dafür, weil es theoretisch eine Möglichkeit zur Gegenwehr gegeben hätte. Entscheidend ist, zwei Fragen zu trennen:
- Wer trägt Verantwortung für das, was passiert ist?
- Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich jetzt?
Die erste Frage kann sehr klar beantwortet werden. Die zweite bleibt trotzdem wichtig. Ich kann Opfer einer Handlung gewesen sein und später Macht besitzen. Ich kann weniger Macht als mein Gegenüber haben und trotzdem Verantwortung für eigene Entscheidungen tragen. Und ich kann mächtig sein, obwohl ich mich selbst als machtlos empfinde.
Machtkritik beginnt bei der eigenen Macht
Die Macht anderer erkennen wir oft schnell: die des Chefs, der Institution oder des politischen Gegners. Schwieriger ist die Frage: Welche Macht habe ich selbst?
Wer hört mir zu? Wessen Verhalten kann ich beeinflussen? Wer vertraut meiner Einschätzung? Welche Konsequenzen kann ich auslösen? Welche Möglichkeit übersehe ich, weil sie nicht zu meinem Selbstbild passt?
Macht verschwindet nicht dadurch, dass wir sie nicht wahrhaben wollen. Und Ohnmacht ist nicht automatisch ein Freispruch von jeder Verantwortung. Vielleicht ist genau deshalb eine Form von Macht besonders schwierig: die Macht, die sich selbst für Machtlosigkeit hält.
Weiterdenken: In unserem Beitrag „Sexpositive Räume, Macht und ein persönlicher Widerspruch“ geht es darum, wie Macht, Verantwortung und Mitgestaltung in Community-Räumen zusammenhängen.
Quelle zum politischen Beispiel: Voit, M. (2026). Victimhood claims in German political manifestos, Political Psychology.
![Macht, Machen und Verantwortung: Hände von mehreren Menschen ordnen gemeinsam Steine und Karten an einem Holztisch [AI]](https://selbstsein.events/wp-content/uploads/2026/10/macht-machen-und-verantwortung-featured-ai.png)