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Beziehungsformen verstehen: Von Monogamie über Polyamorie bis Beziehungsanarchie

Karte nicht-monogamer Beziehungsformen mit Polyamorie, offener Beziehung und Beziehungsanarchie
Karte nicht-monogamer Beziehungsformen mit Polyamorie, offener Beziehung und Beziehungsanarchie

Wenn wir von „Beziehung“ sprechen, haben viele Menschen zunächst ein ziemlich klares Bild im Kopf:

Zwei Menschen lernen sich kennen. Sie verlieben sich. Irgendwann sind sie „zusammen“. Sie verbringen immer mehr Zeit miteinander, lernen Freund*innen und Familie kennen, ziehen vielleicht zusammen, heiraten, bekommen Kinder – und wenn alles gut läuft, sitzen sie irgendwann gemeinsam im Alter auf einer Parkbank.

Und ja: Dieses Bild kann wunderschön sein. Für viele Menschen ist genau das ein erfüllender Lebensentwurf.

Interessant wird es dort, wo aus einer Möglichkeit eine scheinbar vorgegebene Reihenfolge wird.

Dafür gibt es den Begriff Beziehungseskalator, manchmal auch als Rolltreppenmodell der Beziehung beschrieben.

Wie auf einer Rolltreppe steigt man unten ein – und die gesellschaftlich erwartete Richtung scheint bereits festzustehen:

Kennenlernen → Dating → Verlieben → Exklusivität → Paar → Zusammenziehen → Heirat → Kinder → gemeinsames Leben → gemeinsam alt werden.

Jeder weitere Schritt gilt dabei häufig als Zeichen dafür, dass eine Beziehung „ernster“, „richtiger“ oder „erfolgreicher“ wird.

Und wer irgendwann aussteigt, kann schnell das Gefühl bekommen:

Dann ist die Beziehung gescheitert.

Aber muss das so sein?

Kann eine Beziehung fünf wunderschöne Jahre lang genau richtig gewesen sein, auch wenn sie danach endet?

Kann eine Beziehung verbindlich sein, obwohl zwei Menschen niemals zusammenwohnen?

Kann eine Freundschaft wichtiger sein als eine Liebesbeziehung?

Kann man mehrere Menschen lieben?

Kann man gemeinsam Kinder großziehen, ohne ein Liebespaar zu sein?

Und vielleicht noch grundlegender:

Wie würde ich Beziehungen gestalten, wenn mir niemand sagen würde, wie sie aussehen sollten?

Genau hier beginnt die Auseinandersetzung mit Beziehungsvielfalt.

Dieser Artikel möchte keine bestimmte Beziehungsform empfehlen.

Er ist eine Landkarte.

Eine Einladung, verschiedene Möglichkeiten kennenzulernen – und vielleicht die eigenen Vorstellungen von Beziehung ein wenig neugieriger zu betrachten.

Beziehungsformen sind keine festen Schubladen

Begriffe wie Monogamie, offene Beziehung, Polyamorie oder Beziehungsanarchie können Orientierung geben.

Aber sie erzählen niemals die ganze Geschichte.

Zwei Menschen können beispielsweise beide sagen:

„Wir führen eine offene Beziehung.“

und damit vollkommen unterschiedliche Vereinbarungen meinen.

Für das eine Paar bedeutet eine offene Beziehung vielleicht:

Sex mit anderen Menschen ist möglich, romantische Beziehungen aber nicht.

Für ein anderes:

Dates sind möglich, aber Übernachtungen nicht.

Andere Menschen möchten voneinander gar nicht wissen, wann und mit wem etwas passiert.

Und wieder andere machen kaum Regeln, sondern sprechen jeweils darüber, was für die Beteiligten gerade stimmig ist.

Der Name einer Beziehungsform ist deshalb häufig nur eine grobe Orientierung.

Viel spannender sind Fragen wie:

Was haben die beteiligten Menschen miteinander vereinbart?

Welche Bedürfnisse gibt es?

Welche Grenzen?

Welche Erwartungen?

Und dürfen sich diese Vereinbarungen verändern?

Monogamie

Bei einer monogamen Beziehung vereinbaren zwei Menschen romantische und/oder sexuelle Exklusivität miteinander.

Das klassische Verständnis lautet ungefähr:

Wir führen miteinander eine Liebesbeziehung und haben keine romantischen oder sexuellen Beziehungen mit anderen Menschen.

Auch Monogamie kann sehr unterschiedlich gelebt werden.

Manche Menschen:

  • wohnen zusammen,
  • teilen ihre Finanzen,
  • heiraten,
  • bekommen Kinder,
  • verbringen große Teile ihrer Freizeit gemeinsam.

Andere monogame Paare:

  • wohnen bewusst getrennt,
  • haben getrennte Freundeskreise,
  • heiraten nicht,
  • möchten keine Kinder,
  • oder gestalten sehr große Bereiche ihres Lebens unabhängig voneinander.

Monogamie beschreibt also zunächst die Vereinbarung über romantische oder sexuelle Exklusivität – nicht automatisch den gesamten Lebensentwurf.

Und auch Exklusivität sollte nicht einfach vorausgesetzt werden.

Sie ist eine Beziehungsvereinbarung.

Der Beziehungseskalator

Der Beziehungseskalator ist keine eigene Beziehungsform. Er beschreibt vielmehr eine gesellschaftlich verbreitete Vorstellung davon, wie sich eine „erfolgreiche“ Beziehung entwickeln sollte.

Man steigt gewissermaßen unten auf die Rolltreppe:

Dating → Verlieben → Exklusivität → feste Beziehung → Zusammenziehen → Heirat → Kinder → gemeinsames Eigentum und gemeinsamer Alltag → zusammen alt werden

Das Bild ganz oben – zwei Menschen, die Jahrzehnte miteinander geteilt haben und irgendwann gemeinsam auf einer Parkbank sitzen – kann unglaublich schön sein.

Problematisch wird nicht dieses Ziel.

Problematisch wird es, wenn wir glauben:

Nur wenn wir oben ankommen, war die Beziehung erfolgreich.

Denn manchmal verändert sich eine Beziehung.

Manchmal möchten Menschen nicht zusammenziehen.

Manchmal möchten sie keine Kinder.

Manchmal verändert sich Liebe.

Manchmal entsteht aus einer Liebesbeziehung eine Freundschaft.

Und manchmal erkennen Menschen nach fünf, zehn oder zwanzig Jahren, dass ihr gemeinsamer Weg an dieser Stelle endet.

Das muss nicht automatisch bedeuten, dass alles davor ein Fehler war.

Vielleicht darf die Frage deshalb weniger lauten:

Wie weit sind wir auf der Rolltreppe gekommen?

und mehr:

Ist die Beziehung, die wir gerade miteinander führen, für die beteiligten Menschen noch stimmig?

Offene Beziehung

Bei einer offenen Beziehung besteht häufig eine Paarbeziehung, in der bestimmte sexuelle oder romantische Kontakte mit anderen Menschen möglich sind.

Sehr verbreitet ist beispielsweise die Vereinbarung:

Sex mit anderen Menschen ist okay, weitere Liebesbeziehungen möchten wir nicht.

Aber auch das ist nur eine mögliche Variante.

Eine offene Beziehung kann beispielsweise bedeuten:

  • Sex mit anderen ist erlaubt.
  • Küssen ist okay, Übernachten nicht.
  • Kontakte mit anderen finden nur gemeinsam statt.
  • Kontakte dürfen auch getrennt entstehen.
  • Bestimmte Menschen sind ausgeschlossen.
  • Im Urlaub gelten andere Vereinbarungen.
  • Dates sind möglich.
  • Gefühle dürfen entstehen – oder sollen gerade vermieden werden.

Deshalb ist die Frage:

„Seid ihr offen?“

eigentlich nur der Anfang.

Interessanter ist:

Was bedeutet Offenheit für euch konkret?

Polyamorie

Polyamorie beschreibt die Möglichkeit, gleichzeitig mehrere romantische beziehungsweise liebevolle Beziehungen einvernehmlich zu führen.

Ein wichtiger Unterschied zum Fremdgehen besteht dabei nicht einfach darin, wie viele Menschen beteiligt sind.

Entscheidend ist:

Die grundsätzliche Nicht-Monogamie ist den Beteiligten bekannt und geschieht mit Konsent.

Polyamorie bedeutet nicht automatisch:

  • Gruppensex,
  • ständig wechselnde Partner*innen,
  • Beziehung zu dritt,
  • fehlende Verbindlichkeit,
  • keine Eifersucht,
  • oder dass alle beteiligten Menschen miteinander Sex oder Beziehungen haben.

Ein einfaches Beispiel:

Anna und Ben führen eine Liebesbeziehung.

Ben führt außerdem eine Liebesbeziehung mit Clara.

Anna und Clara kennen sich vielleicht, müssen aber selbst keine romantische oder sexuelle Beziehung miteinander haben.

Auch das kann Polyamorie sein.

Ein Netzwerk miteinander verbundener Beziehungen wird manchmal als Polykül bezeichnet.

Triade – Beziehung zu dritt

Eine mögliche polyamore Konstellation ist eine Triade.

Dabei bestehen zwischen drei Menschen romantische Beziehungen.

Zum Beispiel:

Anna ↔ Ben
Ben ↔ Clara
Clara ↔ Anna

Von außen wirkt das schnell wie eine einzige „Dreierbeziehung“.

In Wirklichkeit entstehen darin aber mehrere Beziehungen.

Die Beziehung zwischen Anna und Ben kann ganz anders sein als die zwischen Anna und Clara.

Menschen können unterschiedliche:

  • Bedürfnisse,
  • Formen von Nähe,
  • Sexualität,
  • gemeinsame Interessen,
  • Verbindlichkeit
  • und Beziehungsgeschichten

miteinander haben.

Eine Triade ist deshalb eine mögliche Form von Polyamorie, aber Polyamorie ist keineswegs automatisch eine Beziehung zu dritt.

V-Beziehung

Eine weitere häufige polyamore Konstellation wird als V beschrieben.

Eine Person führt dabei zwei Beziehungen, während die beiden anderen Personen miteinander keine romantische Beziehung führen.

Bildlich:

Anna → Ben ← Clara

Ben wäre in diesem Beispiel die Verbindung zwischen den beiden Beziehungen.

Anna und Clara werden manchmal als Metamours bezeichnet: Menschen, die über eine gemeinsame Partnerperson miteinander verbunden sind.

Sie können enge Freund*innen werden.

Sie können sich gelegentlich begegnen.

Oder sie haben kaum Kontakt miteinander.

Auch dafür gibt es keine allgemeingültige richtige Lösung.

Polyfidelity

Bei Polyfidelity besteht eine Beziehungskonstellation zwischen mehreren Menschen, die innerhalb dieser Gruppe eine Form von Exklusivität vereinbaren.

Beispielsweise könnten drei Menschen miteinander Beziehungen führen und vereinbaren:

Innerhalb unserer Konstellation sind romantische und sexuelle Beziehungen möglich, außerhalb davon nicht.

Man könnte Polyfidelity vereinfacht als Exklusivität innerhalb einer Beziehung mit mehr als zwei Personen beschreiben.

Hierarchische Polyamorie

Manche polyamoren Menschen unterscheiden zwischen verschiedenen Ebenen von Beziehungen.

So kann beispielsweise eine Primärbeziehung bestehen, die bestimmte Prioritäten erhält.

Das können sein:

  • gemeinsamer Haushalt,
  • Kinder,
  • gemeinsame Finanzen,
  • Ehe,
  • langfristige Lebensplanung.

Andere Beziehungen werden möglicherweise als Sekundär- oder weitere Beziehungen bezeichnet.

Das ist hierarchische Polyamorie.

Dabei kann Hierarchie bewusst vereinbart sein.

Sie kann aber auch faktisch entstehen.

Wer beispielsweise verheiratet ist, gemeinsam Eigentum besitzt und Kinder großzieht, hat bereits strukturelle Verbindungen, die sich von einer neuen Beziehung unterscheiden können.

Spannend wird deshalb die Frage:

Welche Hierarchien haben wir bewusst gewählt – und welche sind einfach entstanden?

Nicht-hierarchische Polyamorie

Andere Menschen möchten Beziehungen möglichst wenig anhand fester Rangordnungen organisieren.

Dabei bedeutet nicht-hierarchisch nicht automatisch:

Alle Beziehungen müssen vollkommen gleich sein.

Das wäre praktisch kaum möglich.

Eine Beziehung von fünfzehn Jahren hat möglicherweise eine andere Geschichte als eine Beziehung von drei Monaten.

Nicht-hierarchisch kann vielmehr bedeuten:

Keine Beziehung bekommt allein aufgrund ihres Labels automatisch das Recht, über eine andere Beziehung zu bestimmen.

Solo-Polyamorie

Menschen, die solo-polyamor leben, können mehrere verbindliche Liebesbeziehungen führen, ohne eine klassische Paarbeziehung zum organisatorischen Zentrum ihres Lebens zu machen.

Das kann zum Beispiel bedeuten:

  • eigener Haushalt,
  • eigene Finanzen,
  • hohe persönliche Autonomie,
  • keine automatische gemeinsame Lebensplanung,
  • mehrere wichtige Beziehungen.

Das Solo bedeutet also nicht:

Ich habe keine Beziehungen.

Sondern eher:

Meine zentrale Lebensorganisation basiert nicht auf einer Paar-Einheit.

Manche solo-polyamoren Menschen bezeichnen sich selbst sinngemäß als ihre eigene Primärperson.

Mono-Poly-Beziehung

Menschen müssen nicht dieselben Beziehungsbedürfnisse haben.

In einer Mono-Poly-Konstellation lebt eine Person beispielsweise polyamor und führt mehrere Beziehungen, während eine andere Person selbst nur eine romantische Beziehung führen möchte.

Wichtig ist:

Mono-Poly bedeutet nicht:

Eine Person möchte Monogamie, die andere ignoriert diesen Wunsch.

Sondern:

Die Beteiligten haben unterschiedliche Bedürfnisse und haben miteinander vereinbart, wie sie damit umgehen.

Ob eine solche Konstellation langfristig funktioniert, hängt deshalb stark davon ab, ob die tatsächlichen Bedürfnisse der beteiligten Menschen miteinander vereinbar sind.

Beziehungsanarchie

Beziehungsanarchie gehört zu den Begriffen, bei denen besonders schnell Missverständnisse entstehen.

„Anarchie“ bedeutet hier nicht:

Keine Regeln. Keine Verantwortung. Jede*r macht einfach, was er oder sie will.

Eigentlich ist der Gedanke fast das Gegenteil.

Beziehungen sollen möglichst bewusst zwischen den beteiligten Menschen gestaltet werden, statt automatisch gesellschaftlich vorgegebene Regeln zu übernehmen.

Unsere Gesellschaft kennt häufig eine implizite Beziehungshierarchie:

Ehepartner*in / Lebenspartner*in → romantische Beziehung → Familie → enge Freundschaften → andere Beziehungen

Beziehungsanarchie stellt eine ziemlich grundlegende Frage:

Warum sollte eine romantische Beziehung automatisch wichtiger sein als eine Freundschaft?

Vielleicht gibt es einen Menschen, mit dem ich Sexualität teile.

Einen anderen, mit dem ich zusammenwohne.

Mit einem anderen Menschen ziehe ich ein Kind groß.

Mit jemand anderem teile ich meine tiefsten emotionalen Gespräche.

Und eine jahrzehntelange Freundschaft ist vielleicht eine der wichtigsten Beziehungen meines Lebens.

Warum müssten all diese Bedürfnisse zwangsläufig von einer einzigen Partnerperson erfüllt werden?

Beziehungsanarchie versucht deshalb weniger zu fragen:

Was muss eine Partnerschaft normalerweise beinhalten?

sondern:

Welche Beziehung wollen genau diese Menschen miteinander führen?

Beziehungsanarchie ist nicht dasselbe wie Polyamorie

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Polyamorie beschreibt vor allem die Möglichkeit mehrerer romantischer Liebesbeziehungen.

Beziehungsanarchie stellt darüber hinaus die Kategorien und automatischen Hierarchien zwischen unterschiedlichen Beziehungen infrage.

Ein Mensch kann deshalb beziehungsanarchistisch denken und trotzdem nur eine sexuelle oder romantische Beziehung führen.

Denn der zentrale Gedanke lautet nicht:

möglichst viele Beziehungen haben.

Sondern:

Beziehungen möglichst bewusst gestalten.

Swinging

Beim Swinging liegt der Schwerpunkt typischerweise stärker auf Sexualität mit anderen Menschen als auf weiteren romantischen Liebesbeziehungen.

Das kann beispielsweise stattfinden:

  • gemeinsam mit der Partnerperson,
  • mit anderen Paaren,
  • auf privaten Treffen,
  • auf Partys,
  • in Swingerclubs.

Auch innerhalb des Swingings existieren unterschiedliche Vereinbarungen.

Manche Menschen haben ausschließlich gemeinsam sexuelle Begegnungen.

Andere treffen Menschen auch getrennt voneinander.

Friends with Benefits

Friends with Benefits oder Freundschaft Plus beschreibt eine Freundschaft, die zusätzlich eine sexuelle Ebene beinhaltet.

Dabei besteht nicht automatisch eine klassische romantische Partnerschaft.

Auch hier zeigt sich:

Freundschaft, Sexualität und romantische Liebe müssen nicht zwingend als Paket auftreten.

Menschen können miteinander Sex haben und trotzdem sagen:

Wir sind Freund*innen.

Auch solche Beziehungen können sehr verbindlich sein – oder bewusst locker bleiben.

Casual Dating und Gelegenheitssex

Nicht jede Begegnung muss auf eine feste Beziehung hinauslaufen.

Menschen können:

  • mehrere Menschen gleichzeitig kennenlernen,
  • Dates haben,
  • gelegentlich Sex miteinander haben,
  • miteinander Nähe erleben,
  • oder bewusst offenlassen, was sich aus einer Begegnung entwickelt.

Gerade beim Dating wird häufig sichtbar, wie stark der Beziehungseskalator in unseren Vorstellungen steckt.

Denn schnell entsteht die Frage:

„Was ist das jetzt zwischen uns?“

Manchmal ist diese Frage wichtig.

Manchmal kann aber auch die Antwort sein:

Wir müssen es vielleicht noch gar nicht wissen.

Don’t Ask, Don’t Tell

Bei Don’t Ask, Don’t Tell, kurz DADT, ist Nicht-Monogamie vereinbart, gleichzeitig möchten die Beteiligten über konkrete Kontakte außerhalb der Beziehung wenig oder gar nichts wissen.

Sinngemäß:

Du darfst andere Menschen treffen. Ich möchte aber keine Details darüber erfahren.

Für manche Menschen schafft diese Vereinbarung Sicherheit.

Für andere wäre gerade die fehlende Transparenz belastend.

Wie bei vielen Beziehungsformen gilt deshalb:

Nicht das Modell entscheidet darüber, ob eine Beziehung gut funktioniert, sondern ob es zu den beteiligten Menschen passt und tatsächlich einvernehmlich vereinbart wurde.

Co-Parenting

Co-Parenting gehört etwas anders in diese Landkarte.

Es beschreibt weniger eine romantische oder sexuelle Beziehungsform als eine Form gemeinsamer Elternschaft.

Menschen entscheiden sich dabei, gemeinsam Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, ohne zwangsläufig ein Liebespaar zu sein.

Das können beispielsweise sein:

  • zwei Freund*innen,
  • mehrere Erwachsene,
  • Menschen aus unterschiedlichen Partnerschaften,
  • oder andere gemeinsam vereinbarte Familienkonstellationen.

Co-Parenting macht eine wichtige Sache sichtbar:

Liebe, Sexualität, Partnerschaft, gemeinsames Wohnen und Elternschaft müssen nicht zwangsläufig an dieselbe Person gekoppelt sein.

Living Apart Together

Living Apart Together, kurz LAT, beschreibt Menschen, die eine verbindliche Paarbeziehung führen und gleichzeitig dauerhaft in getrennten Haushalten leben.

Für manche ist das nur eine Phase.

Für andere ist es bewusst die bevorzugte Form von Beziehung.

Sie möchten Nähe und Verbindlichkeit – und gleichzeitig ihren eigenen Wohnraum und Alltag behalten.

LAT widerspricht damit einem klassischen Schritt auf dem Beziehungseskalator:

Eine ernsthafte Beziehung muss irgendwann zum gemeinsamen Haushalt führen.

Muss sie nicht.

Queerplatonische Beziehungen

Manche Beziehungen passen überhaupt nicht gut in unsere übliche Zweiteilung:

Freundschaft oder Partnerschaft.

Eine queerplatonische Beziehung kann sehr verbindlich, emotional intim und lebensprägend sein, ohne einer klassischen romantischen Partnerschaft zu entsprechen.

Menschen können beispielsweise:

  • füreinander zentrale Bezugspersonen sein,
  • gemeinsam leben,
  • gemeinsame Zukunftspläne haben,
  • Verantwortung füreinander übernehmen,

ohne ihre Verbindung als romantische Liebesbeziehung zu verstehen.

Der Begriff entstand vor allem aus aromantischen und queeren Kontexten, kann aber einen größeren Gedanken sichtbar machen:

Nicht jede tiefe und verbindliche Beziehung muss romantisch sein.

Gewählte Familie

Ähnlich funktioniert die Idee der gewählten Familie.

Familie muss nicht ausschließlich über biologische Verwandtschaft oder Ehe entstehen.

Menschen können über Jahre oder Jahrzehnte so eng miteinander verbunden sein, dass sie füreinander Verantwortung übernehmen und einander als Familie verstehen.

Auch das stellt die klassische Beziehungshierarchie infrage.

Relationship by Design statt Relationship by Default

Vielleicht lässt sich ein großer Teil dieser Vielfalt mit einer einfachen Unterscheidung zusammenfassen.

Relationship by Default:

Wir machen das, was Menschen in einer Beziehung normalerweise machen.

Relationship by Design:

Wir sprechen darüber, welche Beziehung wir miteinander tatsächlich gestalten möchten.

Das bedeutet nicht, dass das Ergebnis ungewöhnlich sein muss.

Zwei Menschen können all diese Fragen miteinander besprechen und am Ende sagen:

Wir möchten monogam leben, heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen und gemeinsam auf dieser Parkbank alt werden.

Wunderbar.

Der Unterschied liegt darin, dass es eine bewusste Entscheidung ist.

Nicht bloß der nächste automatisch erwartete Schritt.

Und was ist Fremdgehen?

Fremdgehen sollte sehr klar von konsensueller Nicht-Monogamie unterschieden werden.

Wenn zwei Menschen Monogamie oder bestimmte Grenzen miteinander vereinbart haben und eine Person heimlich sexuelle oder romantische Kontakte außerhalb dieser Vereinbarung eingeht, dann ist das keine Polyamorie und keine offene Beziehung.

Es ist ein Vertrauensbruch und ein Bruch der gemeinsam getroffenen Vereinbarung.

Aus ethischer und moralischer Sicht ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht die Anzahl der beteiligten Menschen ist das Problem, sondern dass einer anderen Person die Möglichkeit genommen wird, informiert über die eigene Beziehung und die eigenen Grenzen zu entscheiden.

Häufig zeigt Fremdgehen auch, dass etwas vorher nicht ausreichend ehrlich angeschaut oder ausgesprochen wurde. Vielleicht wurden eigene Bedürfnisse falsch eingeschätzt. Vielleicht wusste jemand selbst noch nicht, was er oder sie eigentlich möchte. Vielleicht gab es Angst vor Konflikten oder davor, die Partnerperson zu verlieren. Vielleicht wurden Wünsche verdrängt, statt sie offen anzusprechen.

Das kann menschlich erklärbar sein.

Es macht den Vertrauensbruch aber nicht fair.

Die daraus entstehenden Verletzungen können tief sein – gerade weil eine Person von einer gemeinsamen Realität ausgegangen ist, die tatsächlich nicht mehr bestand.

Und leider ist das viel zu verbreitet.

Es muss aber nicht so sein.

Menschen dürfen feststellen:

„Ich merke, dass Monogamie für mich gerade nicht mehr passt.“

Oder:

„Ich habe Bedürfnisse, über die wir bisher nie gesprochen haben.“

Oder sogar:

„Ich weiß gerade selbst nicht genau, was ich will.“

Das kann schwierig, schmerzhaft und konfliktbeladen sein. Aber es gibt der anderen Person die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob sie diese Veränderung mittragen möchte.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu konsensuell nicht-monogamen Beziehungsformen.

Bei einer offenen Beziehung, Polyamorie oder anderen Formen konsensueller Nicht-Monogamie geht es nicht darum, Vereinbarungen heimlich zu umgehen. Es geht darum, Beziehungen offen auszuhandeln und den beteiligten Menschen die Möglichkeit zu geben, informiert zuzustimmen oder Nein zu sagen.

Der Unterschied lautet also nicht:

eine Person = monogam
mehrere Personen = polyamor

Sondern:

Wissen die Beteiligten, worauf sie sich einlassen?

Können sie frei und informiert zustimmen?

Sind Wünsche, Grenzen und Vereinbarungen bekannt?

Und werden diese Vereinbarungen respektiert?

Genau das ist eine Frage von Konsent.

👉 Was ist Konsent?

Konsensuelle Nicht-Monogamie ist deshalb nicht dasselbe wie Fremdgehen. Im Gegenteil: Sie setzt gerade die Offenheit und Ehrlichkeit voraus, die beim Fremdgehen verletzt wird.

Die Karte der nicht-monogamen Beziehungsformen

Die Vielfalt nicht-monogamer Beziehungen lässt sich kaum vollständig in einer einfachen Liste darstellen.

Karte nicht-monogamer Beziehungsformen mit Polyamorie, offener Beziehung und Beziehungsanarchie
Karte der nicht-monogamen Beziehungsformen – eine Übersicht über unterschiedliche Formen von Beziehung, Liebe, Sexualität und Verbindlichkeit.

Deshalb entstand bereits vor vielen Jahren eine Karte der nicht-monogamen Beziehungsformen.

Sie versucht sichtbar zu machen, wie viele unterschiedliche Wege zwischen und jenseits der häufig gedachten Pole

„monogam“ und „polyamor“

existieren.

Darauf finden sich unter anderem:

  • offene Beziehungen,
  • Polyamorie,
  • Solo-Polyamorie,
  • Polyfidelity,
  • Triaden,
  • Mono-Poly-Konstellationen,
  • Swinging,
  • Casual Sex,
  • Dating,
  • unterschiedliche Spiel- und BDSM-Beziehungen,
  • Beziehungsanarchie
  • und weitere individuelle Vereinbarungen.

Die Karte sollte dabei nicht wie ein biologisches Bestimmungsbuch verstanden werden.

Menschen müssen nicht herausfinden:

„Welche dieser Schubladen bin ich?“

Sie kann vielmehr Fragen auslösen:

Ach – so könnte man Beziehung also auch gestalten?

Und genau dafür wurde sie auch im deutschsprachigen Raum genutzt.

Von der Initiative Beziehungsvielfalt zu Selbstsein

Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Beziehungsformen begleitet auch die Geschichte von Selbstsein schon lange.

Ingo, Gründer von Selbstsein, war bereits vor einigen Jahren Gründer und Teil der Initiative Beziehungsvielfalt.

Die Initiative war unter anderem auf CSDs in der Region präsent und wollte über unterschiedliche Möglichkeiten informieren, Beziehungen, Liebe, Sexualität und Familie zu gestalten.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde auch die ursprünglich englischsprachige Karte der nicht-monogamen Beziehungsformen mitübersetzt und weiterentwickelt.

Der Gedanke dahinter war schon damals nicht:

Menschen sollen nicht-monogam leben.

Sondern:

Menschen sollten überhaupt wissen, welche Möglichkeiten existieren, damit sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

Dieser Gedanke findet sich heute in anderer Form auch bei Selbstsein wieder.

Welche Beziehungsform ist die richtige?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort.

Monogamie ist nicht weniger bewusst, nur weil sie gesellschaftlich verbreitet ist.

Polyamorie ist nicht automatisch freier.

Eine offene Beziehung ist nicht automatisch moderner.

Beziehungsanarchie ist nicht automatisch reflektierter.

Und ein ungewöhnliches Beziehungsmodell ist nicht automatisch besser als ein klassisches.

Eine spannende Frage ist deshalb weniger:

Welche Beziehungsform ist die beste?

Sondern:

Welche Beziehungsgestaltung passt zu den Menschen, die sie miteinander leben?

Fragen, die du dir über deine Beziehungen stellen kannst

Vielleicht brauchst du deshalb gar nicht zuerst ein Label.

Du kannst mit Fragen beginnen.

Was bedeutet Verbindlichkeit für mich?

Was bedeutet Treue für mich?

Welche Rolle spielt Sexualität in einer Beziehung für mich?

Welche Rolle spielt romantische Liebe?

Wie viel Autonomie brauche ich?

Möchte ich mit einer Partnerperson zusammenleben?

Möchte ich gemeinsame Finanzen?

Möchte ich Kinder?

Mit wem möchte ich Elternverantwortung teilen?

Welche Bedeutung haben Freundschaften in meinem Leben?

Kann eine Freundschaft genauso verbindlich sein wie eine Partnerschaft?

Welche Beziehungen bekommen bei mir automatisch Priorität – und warum?

Was bedeutet Eifersucht für mich?

Welche Freiheiten wünsche ich mir selbst?

Welche Freiheiten kann ich anderen zugestehen?

Welche Grenzen brauche ich?

Welche Erwartungen an Beziehungen habe ich von meiner Familie oder meiner Umgebung übernommen?

Und vielleicht:

Welche davon sind tatsächlich meine eigenen?

Vielleicht geht es gar nicht darum, die perfekte Beziehungsform zu finden

Menschen verändern sich.

Bedürfnisse verändern sich.

Lebenssituationen verändern sich.

Und damit dürfen sich auch Beziehungen verändern.

Vielleicht möchtest du heute monogam leben und in zehn Jahren anders.

Vielleicht hast du Polyamorie ausprobiert und erkennst irgendwann, dass Monogamie besser zu dir passt.

Vielleicht möchtest du nie zusammenziehen.

Vielleicht möchtest du genau diese gemeinsame Wohnung, Hochzeit, Kinder – und irgendwann die Parkbank.

Selbstsein bedeutet nicht, möglichst anders zu sein.

Es bedeutet auch nicht, gesellschaftliche Normen grundsätzlich abzulehnen.

Es bedeutet vielmehr, sie überhaupt als Möglichkeiten erkennen zu können.

Und dann zu fragen:

Was davon passt zu mir?

Denn vielleicht ist die wichtigste Freiheit nicht, jede Beziehungsform leben zu können.

Sondern zu wissen:

Ich darf gemeinsam mit den Menschen in meinem Leben herausfinden, wie unsere Beziehungen aussehen sollen.

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