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IMPULS · SELBSTSEIN

Was bedeutet sexpositiv? Sexpositivität, Konsent und echte Selbstbestimmung

Der Begriff „sexpositiv“ war für mich doch sooo klar.

Sexpositivität bedeutet: Jede Berührung, jeder Augenkontakt braucht Konsent. Menschen kennen den Begriff Konsent. Wenn man aus einer Bubble wie Selbstsein kommt, ist klar: Das muss so sein.

Bis der Tag X kam.

Ich – weiblich gelesen – bin mit einer Gruppe Frauen zu einer Kinky-Afterwork-Party in einem Szeneviertel einer größeren Stadt gegangen. Und dann ist mir ziemlich schnell eingeleuchtet, warum es so wichtig ist, dieses Thema zu besprechen, voranzubringen und solche Räume zu öffnen.

Denn das hat sich für mich nicht positiv angefühlt.

Wir wurden mit den Augen ausgezogen. Paare waren in intimen Situationen zu sehen. Situationen, bei denen ich mich gefragt habe: Wollte sie das wirklich? War das für sie gerade schön? Oder hat sie einfach mitgemacht?

Am erschreckendsten fand ich aber auch die Reaktion der anderen Frauen, mit denen ich dort war. Und gleichzeitig war ich froh, dass wir gemeinsam hingegangen sind. Denn so fühlt man sich im ersten Moment nicht ganz so wie „Frischfleisch“.

Und das ist halt so.

Dieser Gedanke hat mich fast umgehauen. Weil er so viel darüber gezeigt hat, welche Rolle viele Frauen gelernt haben einzunehmen. Wie selbstverständlich wir uns darauf vorbereiten, angestarrt, angefasst oder bewertet zu werden. Wie selbstverständlich wir damit rechnen, uns schützen zu müssen.

Ich war entsetzt.

Ich weiß, ich bin eine Person. Ich kann meine Grenzen wahrnehmen und wahren. Ich kann Nein sagen.

Aber wenn man schon bevor man überhaupt „in Kontakt“ mit anderen kommt, die eigenen Grenzen untergräbt oder gar nicht kennt – dann Prost Mahlzeit.

Was heißt sexpositiv?

Sexpositiv zu sein bedeutet nicht, möglichst viel Sexualität zu wollen oder jede Form von Sexualität gut finden zu müssen. Die sexpositive Bedeutung liegt für mich vielmehr darin, dass Menschen selbst über ihren Körper, ihre Nähe und ihre Sexualität entscheiden dürfen.

Dazu gehört auch die Freiheit, keine Sexualität zu wollen.

Ein Nein ist genauso sexpositiv wie ein Ja. Ebenso kann es sexpositiv sein, neugierig zu sein, verschiedene Wünsche zu erkunden, monogam zu leben, keine Beziehung zu wollen oder Berührung überhaupt nicht angenehm zu finden.

Sexpositivität bedeutet für mich Selbstbestimmung, Vielfalt, Konsent und Freiheit. Sie schafft keinen neuen Druck, sexuell offen oder verfügbar sein zu müssen. Im Gegenteil: Sie nimmt den Druck heraus.

Deshalb bedeutet Sexpositivität für mich und auch für viele andere:

Räume, in denen man nicht Freiwild ist.

Räume, in die ich als Frau gehen kann, ohne ungefragt angefasst zu werden. Räume, in denen ich mich sicher fühlen kann. Räume, in denen meine Grenzen gehalten werden. Nicht nur auf dem Papier, sondern wirklich.

Eine sexpositive Community sollte ein Raum sein, in dem unterschiedliche Lebensweisen Platz haben: Menschen mit unterschiedlichen Orientierungen, Identitäten, Erfahrungen, Wünschen und Grenzen. Auch Menschen, die gerade keine Sexualität suchen oder sich nicht über Sexualität definieren.

Sexpositive Events können solche Räume sein. Aber nur dann, wenn sie nicht davon ausgehen, dass alle anwesenden Menschen automatisch verfügbar, interessiert oder erfahren sind. Ein sexpositives Event braucht klare Regeln, gelebten Konsent und Menschen, die Verantwortung für die Atmosphäre übernehmen.

Ich habe an diesem Abend aber auch Männer erlebt, die sehr respektvoll waren. Männer, die selbst unsicher waren. Männer, die offen ausgesprochen haben, dass Männer oft mit Masken unterwegs sind – auch mit einer Konsentmaske.

Männer, die auf Augenhöhe unterwegs sein wollen, sich damit aber manchmal schwertun. Vielleicht auch, weil sie gelernt haben, dass sie das starke Geschlecht sein müssen. Dass sie sicher auftreten müssen. Dass Unsicherheit keinen Platz haben darf.

Dabei ist genau diese Unsicherheit manchmal der ehrlichste Moment: nachzufragen, langsamer zu werden, ein Nein auszuhalten und nicht einfach davon auszugehen, dass etwas schon passt.

Von Sexpositivität zu Selbstsein

Genau deshalb ist die Arbeit bei Selbstsein für mich so wichtig. Weil es Räume braucht, in denen Menschen sich selbst entdecken können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Räume für Menschen, die Sexualität spannend finden, die sich ausprobieren möchten – und genauso für Menschen, die gerade keine Sexualität wollen. Räume, in denen wir uns selbst gehören und anderen auf Augenhöhe begegnen können.

Selbstsein bedeutet nicht, eine bestimmte Art von Sexualität zu leben. Es bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen: die eigenen Wünsche, die eigenen Grenzen, die eigene Unsicherheit und auch das eigene Nein.

Sexpositivität kann ein Teil davon sein. Aber Selbstsein ist größer. Es geht um die Freiheit, den eigenen Weg zu finden – mit Sexualität, ohne Sexualität oder irgendwo dazwischen.

Sexpositivität bedeutet für mich nicht, dass alles erlaubt ist.

Sexpositivität bedeutet, dass alle Beteiligten frei entscheiden können. Dass Lust nur dort entstehen kann, wo Sicherheit, Respekt und Konsent ihren Platz haben.

Was bedeutet Sexpositivität für dich?

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