„Man muss dabei gewesen sein, um es zu verstehen.“
Eigentlich wollten wir einen gemeinsamen Erfahrungsbericht über Polyamorie im Urlaub schreiben. Eine Woche zu dritt auf einem FKK-Campingplatz – da müsste es schließlich einiges zu erzählen geben.
Dann kam die bessere Idee: Warum schreibt nicht jede Person ihre eigene Geschichte?
Denn wir haben denselben Urlaub erlebt – und trotzdem drei ziemlich unterschiedliche Reisen. Mit Unsicherheiten und Eifersucht, Nähe und Sexualität, Bedürfnissen und Grenzen. Und mit der Erfahrung, dass offene Kommunikation manchmal mehr verändert als jede perfekte Planung.
So wurde aus unserem FKK-Urlaub zu dritt ein kleines Experiment:
Drei Menschen. Ein Urlaub. Drei Perspektiven.
Unsere persönlichen Erfahrungsberichte findet ihr unten einzeln zum Aufklappen. Wir haben sie bewusst nicht zu einer gemeinsamen Wahrheit zusammengefügt.
Denn vielleicht trifft es dieser eine Satz am besten:
„Man muss dabei gewesen sein, um es zu verstehen.“
Poly-Urlaub: Von Bedenken und Angst in die Freiheit
Polys im Urlaub: mit Partner und Meta
Gedanken im Voraus – möchte ich das überhaupt – passt die 3er-Kombination, mag ich meine Meta so, dass ich eine Woche mit ihr verbringen möchte?
Meine Gedanken im Vorfeld – ist sie eifersüchtig, hat er dann überhaupt Kapazität für mich, weil ich ja die Neue bin? Muss ich mich anpassen und bekomme keinen Raum für mich?
Meine Strategie war – Basic-Dinge vorab ansprechen – eine kleine Signal-Gruppe hilft schon, Dinge zu dritt zu kommunizieren und ein Gefühl für die anderen zu bekommen.
Auf die Reise, fertig, los. Mit viel Angst im Bauch, den Alltag organisieren, mir wirklich eine Woche zu nehmen, mich auf ein neues Abenteuer einzulassen. Und ja, ich meine Abenteuer, weil ich in den Polyurlaub nicht nur das Polyleben mitgenommen habe, sondern auch meine Themen von zu Hause – klappt alles, sind alle so versorgt.
Das hat für mich erst mal Raum eingenommen + die aufkommende Spannung, die ich vermeintlich wahrgenommen habe, auch bei anderen, weil jeder Bedürfnisse hatte, die erst mal nicht direkt angesprochen wurden. Fast so wie bei der Auszeit, nach Tag 2 kamen die Themen hoch – gefühlt der eine zu wenig Aufmerksamkeit, der andere zu viel – bitte alles subjektiv sehen.
Was bei uns gereicht hat, war ein offenes Gespräch, nur die Bedürfnisse auszusprechen – keine Lösung zu finden. Denn gibt es immer DIE Lösung? Für mich ein klares NEIN.
Ich finde, was für mich auch hilfreich war, mich nicht zu verlieren, war, eine klare Intention zu setzen: Was ist für mich in diesem Urlaub wichtig – zu Hause Gedanken sortieren, zu lesen, weil ich es gerne mache. Hinzuspüren, was möchte ich wirklich, und das dann zu kommunizieren. Das hat auch etwas für mich mit Rahmen stecken / Grenzen setzen zu tun.
Nachdem die Bedürfnisse ausgesprochen waren, war oft so ein – AAAAHHH, das siehst du auch so, ah, da hast du ein ähnliches Bedürfnis – sau krass. Ich bin ja gar nicht alleine.
Der Urlaub war danach echt entspannt, als wäre ein Knoten geplatzt – gut, bis auf Skip-Bo, wenn andere gewonnen haben außer ich 😉
Ach so, und ein neues Wort, das wir im Urlaub gelernt haben – Orgasmusgerechtigkeit – hilft mindestens 2 von 3 😉
Ein wenig Humor muss immer dabei sein. Deshalb – mein Fazit – durch die Bedenken und Angst in die Freiheit – traut euch – kommuniziert und habt eine tolle Zeit, wie wir sie hatten.
Urlaub mit Partner und Meta – zwischen Eifersucht und Nähe
Mein Urlaub mit Partner und Meta
Im Raum stand die Frage, ob wir zum länger geplanten FKK-Campingurlaub die Meta mitnehmen. Nach einem ersten Kennenlernen war die Stimmung positiv, also wurde gemeinsam weiter geplant und die Reisepläne entsprechend angepasst. Entscheidungen zu dritt erforderten da mehr Absprachen, mit der Herausforderung, dass wir selten bis nie gemeinsam zu dritt am selben Ort waren. Die August-Auszeit zwei Wochen vor dem Urlaub ermöglichte ein näheres Kennenlernen der Meta als Zimmernachbarin mit tiefen, reflektierten Gesprächen und viel Bondingzeit.
Einige organisatorische Dinge wie das Packen der Campingausrüstung regelten der Partner und ich im Vorfeld, da wir schon frei hatten.
Dann war er da, der Urlaubsstart.
Die Anfahrt klappte reibungslos mit viel Lachen, Gesprächen und guter Musik im Auto.
Vor Ort gab es erste Herausforderungen: Aufbau nach Starkregen, Warten, Absprachen.
Die Schlafsituation auf einer großen Luftmatratze war für uns alle schwierig. Das Unwetter in der ersten Nacht sorgte für Unruhe. Ich war in einer halben Panikattacke, die anderen beiden entspannt, positiv gestimmt und voller Logik. So zeigten sich doch erste Unterschiede.
Die Planung der Mahlzeiten und des darauf aufbauenden Einkaufs war schwierig für mich, da bei mir das Gefühl mitschwang, durch meine Essgewohnheiten vor allem die Meta in ihrer Kreativität einzuschränken. Mein Anspannungslevel war also schon vor dem Einkauf sehr hoch. Der Einkauf an sich war dann aufgrund der vielen Menschen immens herausfordernd und anstrengend.
Meine nächste Nacht war geprägt von Schmerzen am ganzen Körper durch die übermäßige Anspannung und auf der anderen Seite von dem Bedürfnis nach Nähe, das ich nicht äußern konnte. Kurz beschlich mich in der Nacht der Gedanke, dass Urlaub zu zweit vielleicht doch besser gewesen wäre.
Ich war früh wach und habe mich mit Handy und Kopfhörer in eine Decke gewickelt in den Liegestuhl zurückgezogen. Die Meta machte irgendwann nebenher Yoga.
Durch die Musik konnten auch endlich die in der Nacht angestauten Tränen der inneren Einsamkeit laufen. Ich kuschelte mich nochmal kurz zum Weinen und Reden zu meinem Partner in die Schlafkoje, da er dort noch alleine döste. Ich konnte ein paar meiner Gedanken formulieren.
Mein People Pleasing und Harmoniewunsch kollidierten massiv mit meinen eigenen Bedürfnissen nach ganz viel Nähe und Kuscheln, gepaart mit Neid und Eifersucht. Ich würde jederzeit allen anderen alles zuerst gönnen, bevor ich für mich selbst etwas einfordern oder wünschen würde.
Die Stimmung war für meine feinen Antennen, die ständig für alle Stimmungen auf Empfang stehen, extrem angespannt. Entsprechend angespannt waren mein Körper und mein Nervensystem.
Nach dem Frühstück hat mein Partner dann ein Gespräch über den Elefanten im Raum angeregt und wir sprachen alle einzeln unsere aktuellen Gefühle und Bedürfnisse aus.
Abends schauten wir zu dritt den Sonnenuntergang und ich machte anschließend noch alleine mit meinem Partner einen Spaziergang. Wir konnten nochmal ein wenig als Paar reden. Das hat gutgetan.
Als wir zum Zelt zurückkamen, hatte die Meta schon gespült und sich zum Lesen ins Bett zurückgezogen. Wir machten uns ebenfalls zum Schlafen bereit.
Meine Antennen schlugen wieder Alarm. Nachdem die Meta in der Nacht das Zelt verließ und nicht zurückkam, kreisten alle Gedanken und Gefühle noch mehr.
Am nächsten Tag war mein Plan, mehr auf mein Bedürfnis, alleine zu lesen, zu hören, und ich habe mich mit meinem Stuhl und meinem Buch ans Meer gesetzt. Gleichzeitig habe ich den anderen beiden Raum für mögliche Gespräche gegeben, da ich das Gefühl hatte, dass da auch irgendwie was schwelte.
Als ich wie verabredet nach dem Mittag zurückkehrte, weil wir einen Ausflug machen wollten, spürte ich sofort ganz andere Schwingungen. Alles wirkte entspannt. Für mich war es, als wäre in der Zeit ein Knoten geplatzt.
An diesem Abend waren wir das erste Mal zu dritt auch sexuell aktiv. Es fühlte sich stimmig und harmonisch an. Herausgefordert durch die Pflicht, im Zelt leise sein zu müssen.
Wir hatten uns eingegroovt und besser aufeinander eingestellt. Der Umgang untereinander war entspannt, wohlwollend und positiv. Wir hatten unsere Abläufe und unseren gemeinsamen Rhythmus gefunden. Ich konnte besser auf meine Bedürfnisse spüren und diese äußern bzw. ihnen nachgehen.
Ich hatte anfangs große Bedenken, was die Sexualität zu dritt angeht, da ich mir Sorgen um zu viele Vergleiche machte. Ich hätte nicht gedacht, dass die Meta und ich an den Punkt kommen, an dem wir uns auf Orgasmusgerechtigkeit einigen. Im Sinne davon, dass es keine Alleingänge gibt bzw. Zeit alleine mit dem Partner schwierig umzusetzen ist, ohne dass eine von uns in der Zeit alleine etwas anderes machen müsste und sich das für uns beide seltsam angefühlt hätte. Auch wenn wir im Vorfeld darüber gewitzelt haben, ob unser Partner uns überhaupt beide schafft und dass er sicherlich als Erster die Segel streichen würde, war die praktische Umsetzung dann doch überraschend. Vor allem, nachdem sich die ersten zweieinhalb Tage recht holprig anfühlten und für mich auf der Gefühlsebene äußerst herausfordernd waren.
Letztlich wäre es gerade schön, noch zwei oder drei Tage dranhängen zu können, um den holprigen Anfang zeitlich ausgleichen zu können.
Von Anfang an haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, zu dritt, sichtbar zusammengehörend, über den Platz oder durch die Stadt zu gehen und dann darüber zu sinnieren, was wohl andere Menschen über uns und unsere Konstellation denken.
Polyamorie, FKK und die eigene Heldenreise
Nackt genug, um ich selbst zu sein
Ich sitze nackt auf einem FKK-Campingplatz in Kroatien. Auf meinem Schoß liegt mein Laptop. Irgendwo hier sind zwei Menschen, die ich liebe.
Wenn man von außen auf mein Leben schaut, könnte man daraus eine ziemlich einfache Geschichte machen: ein Mann, zwei Frauen, Polyamorie, FKK-Urlaub. Das Klischee schreibt sich fast von selbst.
Nur hat es erstaunlich wenig mit dem Urlaub zu tun, den ich gerade erlebt habe.
Denn die eigentliche Geschichte dieses Urlaubs handelt nicht davon, mit zwei Partnerinnen nackt auf einem Campingplatz zu sitzen.
Sie handelt davon, wie schwer es mir fällt, einfach nur ich zu sein. Und davon, wie befreiend es sein kann, andere Menschen einfach sie selbst sein zu lassen.
Ein Sprung ins Ungewisse
Ich war schon im vergangenen Jahr auf diesem Campingplatz. Damals war es mein erstes Mal FKK-Camping überhaupt.
FKK hatte mich schon lange neugierig gemacht. Schon als Kind wollte ich wissen, wie die anderen Campingplätze aussehen, während meine Eltern mit mir immer wieder an denselben Ort fuhren. Vielleicht war deshalb schon mein erster Aufenthalt hier ein kleines Abenteuer: Endlich einmal schauen, was hinter dem Zaun eines solchen Platzes passiert.
Die überraschende Antwort: nicht besonders viel.
Menschen sind nackt. Sie gehen einkaufen. Sie kochen. Sie lesen. Sie liegen herum. Sie fahren Fahrrad. Sie spülen ihr Geschirr.
Dieses Jahr war trotzdem etwas anders. Denn diesmal war ich nicht mit einer Partnerin hier, sondern mit zwei.
Und vor der Abfahrt war ich angespannt. Da waren Druck, Aufregung, Ungewissheit und Angst.
Wir hatten erstaunlich wenig darüber gesprochen, wie dieser Urlaub zu dritt eigentlich funktionieren sollte. Es gab eine grundsätzliche Vereinbarung: Jede Person kümmert sich um ihre eigenen Bedürfnisse. Und wenn jemand dafür die Gruppe verlassen möchte, ist das vollkommen in Ordnung.
Eigentlich ein ziemlich guter Satz. Nur hatten wir nicht darüber gesprochen, was unsere Bedürfnisse überhaupt sind.
Wir hatten nicht darüber gesprochen, was für jede einzelne Person einen gelungenen Urlaub ausmacht. Nicht darüber, welche Unsicherheiten wir mitbringen. Und auch nicht darüber, wie wir mit Sexualität umgehen wollen.
Letzteres ist im Nachhinein fast ein bisschen absurd. Wir wussten aus dem vergangenen Jahr, dass Sex auf einem FKK-Campingplatz gar nicht so einfach ist. Gleichzeitig waren wir drei Menschen, die gerne Sex haben.
Diesen kleinen Widerspruch hatten wir offenbar einfach nicht weiter betrachtet.
Drei Menschen, ein Zelt und ein paar unausgesprochene Themen. Ein Sprung ins Ungewisse.
Ein Mann und sein Harem
Interessanterweise war unsere Poly-Konstellation auf dem Campingplatz überhaupt kein großes Thema.
Drei Menschen halten Händchen? Offenbar kein Grund zur Aufregung.
Es gab Blicke, natürlich. Aber nicht mehr als die üblichen Blicke, wenn Menschen aneinander vorbeigehen.
In Rovinj war das anders. Dort glaubte ich in manchen Gesichtern Unglauben, Neid, Eifersucht oder auch Wut zu erkennen.
Denn unsere Konstellation erfüllt oberflächlich ziemlich genau ein gesellschaftliches Klischee: eine männlich gelesene Person und zwei weiblich gelesene Personen.
Der Mann mit seinem Harem.
Ich kenne die Geschichten, die darum gebaut werden. Auf der einen Seite der vermeintliche Held. Der Mann, der es „geschafft“ hat. Zwei Frauen! Was für ein Kerl. Vielleicht besonders potent, besonders erfolgreich, besonders weit oben in irgendeiner unsichtbaren Hierarchie.
Auf der anderen Seite das Gegenbild: der Mann, der Frauen unterdrückt. Und Frauen, denen gleichzeitig ihre eigene Selbstbestimmung abgesprochen wird, weil sie sich ja unmöglich aus freien Stücken für diese Beziehungskonstellation entschieden haben können.
Meine Realität ist erheblich unspektakulärer.
Es ist ein Low-Budget-Urlaub. Da sind zwei selbstbewusste Menschen mit eigenen Wünschen, Grenzen, Stärken, Unsicherheiten und Geschichten. Und da bin ich.
Kein Poly-Held. Einfach ein Mann, der mehrere Menschen liebt und mit ihnen Zeit auf Augenhöhe verbringen möchte.
Ich stelle mich zur Verfügung
Und der zu Beginn dieses Urlaubs vor allem eines ziemlich gut konnte: sich selbst dabei vergessen.
In mir lief permanent ein Programm: Wie geht es ihr? Wie geht es der anderen? Ist gerade irgendetwas komisch? Habe ich etwas übersehen? Braucht jemand etwas von mir? Ist zwischen den beiden alles in Ordnung? Ist zwischen uns alles in Ordnung?
Ich beobachtete Stimmungen, suchte nach Veränderungen und versuchte, subtile Anforderungen zu erkennen, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden.
Der Druck kam dabei nicht von meinen Partnerinnen. Er kam aus mir.
Ich kenne ihn schon sehr lange.
Urlaub bedeutete für mich als Kind nicht unbedingt Entspannung. Meine Eltern waren beide Menschen mit vielen unbewussten und unerfüllten Bedürfnissen. Gerade im Urlaub kamen Erwartungen und Enttäuschungen häufig als schlechte Stimmung zum Vorschein.
Meine damalige Lösung war ziemlich wirkungsvoll: Ich kümmerte mich um mich selbst. Ich machte möglichst wenig Ansprüche geltend. Ich beschäftigte mich allein. Ich verschwand aus den Konfliktlinien.
Bloß nicht noch mehr Bedürfnisse in ein System hineintragen, in dem ohnehin schon genug Spannung vorhanden war.
Später entwickelte sich daraus noch eine andere Strategie: Beziehungen um mich herum ausgleichen. Vermittler sein. Zur Verfügung stehen. Wahrnehmen, was andere brauchen könnten.
Und nun saß ich mit zwei Menschen, die ich liebe, im Urlaub. Eigentlich sollte ich mich entspannen. Stattdessen hatte irgendein Teil von mir beschlossen, dass ich dafür verantwortlich sei, dass dieser Urlaub funktioniert.
Dass es allen gut geht. Dass kein Konflikt eskaliert. Dass niemand verletzt wird. Dass wir am Ende nicht feststellen, dass eine Person nach diesem Urlaub erst einmal Urlaub braucht.
Schon am ersten Abend musste ich raus. Ich ging allein spülen. Nur fünfzehn Minuten.
Fünfzehn Minuten keine Stimmungen lesen. Keine Informationen verarbeiten. Nicht überlegen, ob irgendwo gerade eine unausgesprochene Erwartung an mich existiert.
Einfach Geschirr. Das war erstaunlich erholsam.
Eine Katastrophe, die nur in meinem Kopf existierte
Dann kam dieser Abend. Viele Dinge lagen ungeklärt in der Luft.
Mit einer meiner Partnerinnen hatte ich länger den Sonnenuntergang angeschaut. Danach hatten wir noch etwas Zeit zu zweit verbracht. Als wir später ins Bett gingen, sprachen wir nicht darüber.
Ich lag da und war vor allem in meinem Kopf.
Dann stand meine andere Partnerin wieder auf und ging nach draußen.
Und mein Gehirn begann, eine Geschichte zu schreiben.
Sie braucht Abstand. Sie hält es mit uns nicht mehr aus. Sie ist gegangen. Vielleicht ist sie am Meer. Vielleicht haben wir sie allein gelassen. Vielleicht habe ich etwas übersehen.
Und plötzlich war ich wieder bei einer sehr alten Geschichte: Ich bin kein achtsamer Mensch. Ich verletze Menschen. Ich hätte merken müssen, was passiert. Und jetzt ist es wieder so weit.
Ich fühlte mich ohnmächtig. Und irgendwann kam sogar Wut dazu. Warum geht sie einfach? Warum lässt sie uns hier?
Nur gab es ein kleines Problem mit meiner Geschichte: Sie stimmte nicht.
Meine Partnerin war auf der Toilette gewesen. Danach hatte sie festgestellt, dass es draußen vor dem Zelt deutlich kühler und angenehmer war als drinnen. Also legte sie sich dort auf die Couch.
Dort fand ich sie schließlich.
In meinem Kopf war sie weit weg am Meer und unsere Beziehungskonstellation stand kurz vor dem Zusammenbruch. In ihrer Realität war ihr warm gewesen. Also hatte sie sich einen kühleren Platz gesucht.
Mehr war nicht passiert. Eigentlich ziemlich banal.
Und gleichzeitig war es für mich eine der wichtigsten Situationen dieses Urlaubs. Denn während ich in meinem Kopf versuchte herauszufinden, welches Bedürfnis ich bei ihr übersehen hatte, hatte sie längst genau das getan, was wir vor dem Urlaub vereinbart hatten: Sie hatte sich um ihr Bedürfnis gekümmert.
Was brauchst du eigentlich?
Am nächsten Morgen saßen wir beim Frühstück. Und ich stellte eine Frage, die mir aus meiner Rolle als Raumhalter ziemlich vertraut ist:
Welche Bedürfnisse und Wünsche sind gerade bei jeder einzelnen Person da?
Eine einstudierte Frage. Eine gute Frage. Und eine Frage, die ich selbst kaum beantworten konnte.
Meine Partnerinnen konnten es besser.
Wir sprachen darüber, was wir im Urlaub machen wollten. Über Unsicherheiten. Über Sexualität. Über den Widerspruch, eigene Bedürfnisse zu haben und gleichzeitig niemandem „auf den Senkel gehen“ zu wollen.
Interessanterweise gab es dieses Thema bei uns allen: Bloß nicht zu viel sein. Nur zeigte es sich unterschiedlich.
Irgendwann beschrieb ich meine eigene Rolle. Ich würde mich eben zur Verfügung stellen.
Eine meiner Partnerinnen spiegelte mir meine eigenen Worte zurück.
„Du stellst dich also zur Verfügung. Stark.“
Dazu eine hochgezogene Augenbraue. Kein großer therapeutischer Moment. Keine lange Intervention. Nur meine eigenen Worte, einmal von außen betrachtet.
Und plötzlich hörten sie sich vollkommen absurd an.
Mich zur Verfügung stellen. Das war überhaupt kein Bedürfnis. Es war eine Strategie. Eine verdammt alte sogar.
Nackt werden
Vielleicht passt es deshalb, dass diese Erkenntnis ausgerechnet auf einem FKK-Campingplatz entstanden ist.
FKK begleitet meine persönliche Entwicklung schon seit Jahren. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Saunabesuch. Ich war verschämt.
Nicht nur wegen meines Körpers. Da war auch dieses Gefühl, als Mann allein durch meine Anwesenheit schon zu viel sein zu können. Mich besser zurückzunehmen. Nicht aufzufallen. Bloß niemandem unangenehm zu sein.
Heute sitze ich nackt mit zwei Partnerinnen auf einem Campingplatz. Und schreibe darüber.
Das körperliche Nacktsein wurde in diesem Urlaub für mich auch zu einem geistigen Nacktsein. Nicht im Sinne von: Alle Grenzen fallen. Im Gegenteil. Plötzlich werden Grenzen interessanter.
Möchte ich beim Yoga nackt sein? Vielleicht nicht.
Darf eine Frau breitbeinig dasitzen, weil genau diese Position für ihren Körper gerade bequem ist? Natürlich.
Muss ein nackter Körper eigentlich irgendetwas darstellen? Nein.
Du darfst einfach da sein. Nackt. Unvollkommen. Mit Bedürfnissen. Mit Grenzen. Mit Unsicherheiten. Mit deiner Geschichte.
Ich möchte in den Papageienpark
Und dann kam meine vielleicht lächerlich kleine persönliche Bewährungsprobe. Ich wollte in den Papageienpark.
Das klingt nicht besonders heldenhaft. In mir löste dieser Wunsch trotzdem einen Kampf aus.
Ist das wichtig genug? Darf ich dafür Zeit beanspruchen? Müssen jetzt zwei andere Menschen ihren Urlaub nach etwas ausrichten, das ich möchte?
Und plötzlich war da wieder dieses Kind. Das Kind, das sich im Urlaub lieber versteckt, damit es nicht zwischen die Fronten gerät. Das keine zusätzlichen Ansprüche stellt. Das keine Bedürfnisse vorbringt, weil Bedürfnisse die Situation nur komplizierter machen könnten.
Nur war ich nicht mehr dieses Kind.
Also sagte ich: Ich möchte in den Papageienpark.
Und dann passierte etwas geradezu Spektakuläres: Eine Partnerin wollte mit. Die andere hatte kein Bedürfnis danach. Also gingen wir zu zweit.
Das war’s. Kein Drama. Kein Konflikt. Niemand musste zurückgelassen werden. Niemand musste überzeugt werden. Niemand musste sich opfern.
Ein Bedürfnis wurde ausgesprochen. Andere Menschen konnten sich dazu positionieren. Und daraus entstand eine Lösung.
So unspektakulär kann Selbstwirksamkeit sein.
Vielleicht hatte ich viele Jahre lang gelernt, dass meine Bedürfnisse Dinge komplizierter machen. Hier durfte ich erleben: Manchmal machen unausgesprochene Bedürfnisse die Dinge kompliziert. Ausgesprochene Bedürfnisse können sie erstaunlich einfach machen.
Und dann wollten plötzlich alle Sex
Diese Entwicklung machte vor unserer Sexualität nicht halt. Eher im Gegenteil.
Auf einmal saßen da zwei selbstbewusste Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse ziemlich klar äußerten.
Und ich? Der Mann mit den zwei Frauen. Der vermeintliche Gewinner des patriarchalen Jackpots. Ich reagierte mit Scham.
Nicht, weil ich keine Wünsche hatte. Sondern weil ich welche hatte.
Weil Wünsche Raum beanspruchen. Weil ich sie aussprechen müsste. Weil ich damit vielleicht zu viel sein könnte.
Auch hier musste ich erst lernen, das zu tun, was ich von meinen Partnerinnen längst erwartete: mich zu zeigen.
Nicht als jemand, der zur Verfügung steht. Sondern als beteiligter Mensch. Mit eigenen Wünschen. Mit einem eigenen Ja. Mit einem eigenen Nein. Mit Lust. Mit Unsicherheit.
Und irgendwann kamen meine Wünsche heraus. Ich traute mich, sie auszusprechen.
Wir hatten geilen Sex zu dritt.
Nicht, weil ich es geschafft hatte, zwei Frauen glücklich zu machen. Nicht, weil ich die Situation kontrolliert hatte. Sondern vielleicht gerade deshalb, weil ich immer weniger kontrollieren musste.
Drei Menschen konnten ihre Bedürfnisse äußern. Drei Menschen konnten Grenzen haben. Drei Menschen konnten Verantwortung für sich übernehmen. Und daraus konnte etwas Gemeinsames entstehen.
Für mich war diese Erfahrung besonders. Manches davon wäre zu Hause vermutlich in meinen eigenen alten und traumatisch geprägten Erfahrungen hängen geblieben. Hier durfte es stattfinden. Anders. Sicherer. Freier. Und wunderschön unterschiedlich.
Zwei Heldinnen – und nicht die Nebenfiguren meiner Geschichte
Ich schreibe hier meine Geschichte. Deshalb kann ich auch nur meine Wahrnehmung beschreiben.
Meine Partnerinnen schreiben ihre eigenen Geschichten über diesen Urlaub. Und das ist mir wichtig. Denn sie sind nicht die beiden Frauen in meiner Heldenreise. Sie sind die Heldinnen ihrer eigenen.
Eine von ihnen erlebe ich als einen Menschen, der stärker zum People Pleasing tendiert. Und ich durfte erleben, wie klar sie ihre Bedürfnisse äußerte.
Die andere erlebe ich häufig als aufgedreht, früh wach, funktionierend. Um fünf Uhr aufstehen, weitermachen, funktionieren – auch dann, wenn ihr Körper vielleicht etwas anderes erzählt.
Und dann schlief sie bis zehn. Weil es ihr guttat.
Kleine Dinge. Aber genau diese kleinen Dinge haben mir geholfen. Denn ich sah zwei Menschen, die für sich sorgten.
Ich sah Entscheidungen, die in einer Zweierbeziehung vielleicht funktioniert hätten und in unserer Dreierkonstellation plötzlich nicht mehr funktionierten. Und ich musste nicht eingreifen.
Sie merkten es. Sie passten ihr Verhalten an. Sie fanden eigene Lösungen.
Je mehr ich das beobachten konnte, desto mehr entspannte sich etwas in mir.
Und desto unangenehmer wurde eine andere Erkenntnis: Wenn ich zwei Menschen wirklich auf Augenhöhe begegnen möchte, dann muss ich ihnen auch zutrauen, Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen zu tragen.
Wenn ich ständig versuche, ihre Stimmungen zu überwachen, ihre Bedürfnisse vorauszuahnen und ihre Konflikte zu verhindern, sieht das vielleicht fürsorglich aus. Aber ich nehme ihnen damit auch etwas weg: Selbstwirksamkeit.
Und ausgerechnet damit würde ich mich dem Klischee annähern, das ich eigentlich ablehne: dem Mann, der die Frauen unter seinen Fittichen hat.
Ich möchte keine Menschen unter meinen Fittichen. Ich möchte Menschen neben mir.
Was heißt es eigentlich, ein Mann zu sein?
Vor einigen Jahren begann ich, meine innere Reise wichtiger zu nehmen als äußere Vorstellungen davon, was ein Mann sein sollte.
Heute ist die Antwort für mich erstaunlich unspektakulär:
Ich bin einfach so ein Mann.
Ich muss kein Beschützer sein. Kein Held. Kein erfolgreicher Mann mit zwei Frauen. Und auch nicht stellvertretend für all die Zuschreibungen stehen, die Menschen mit meinem Geschlecht verbinden.
In diesem Urlaub durfte ich einfach Ingo sein.
Ein Mensch mit Fähigkeiten, Unsicherheiten, Lust, Grenzen und Bedürfnissen.
Die andere Heldenreise
Vielleicht ist genau das meine Form von Heldenreise.
Nicht Auto, Haus, Karriere oder zwei Partnerinnen.
Sondern zu lernen, meine Bedürfnisse wahrzunehmen. Meine Grenzen ernst zu nehmen. Verantwortung zu übernehmen, wo sie mir gehört – und sie dort zu lassen, wo sie anderen gehört.
Mich nicht über andere auszubreiten. Aber mich auch nicht selbst verschwinden zu lassen.
Und vielleicht ist das der eigentliche Schatz dieses Urlaubs:
Ich habe zwei Menschen, die ich liebe, ein Stück besser gesehen, weil ich aufgehört habe, sie durch meine Ängste und Vorstellungen zu betrachten.
Und ich durfte selbst ein Stück mehr ich sein.